Rassismus im Schulbuch: Steffi und Aischa

steffi - 1Quelle dieses Schulbuchinhalts „Steffi und Aischa“ ist das Buch: „neben mir ist noch Platz“ von Paul Maar. Der Ausschnitt mit den Arbeitsfragen wurde veröffentlicht im Schulbuch Tinto 2-4 Cornelsen Verlag, einem Schulbuch für die 4. Klasse.

Das Arbeitsblatt „Rassismus im Schulbuch – Steffi und Aischa“ ist hier verlinkt.  (Auf dieser Homepage veröffentichen Methoden dürfen Sie gern verwenden, wenn Sie klar auf die Quelle verweisen. Ich bitte um Feed Back über Ihre Erfahrungen und wenn Ihnen Schieflagen/ Fehler auffallen.)

Im Schulbuch steht die Geschichte unter dem Thema „Kulturen vergleichen“. Damit suggeriert das Buch, die beiden Mädchen seien Stellvertreterinnen zweier Kulturen. Schulbücher haben eine hohe Autorität und setzen in besonderem Maße Normen: Es vermittelt: Das steht hier so, also muss es doch stimmen.

Der Prämisse folgend, dass es die Unterschiede seien, die Rassismus verursachen, werden im Text die Unterschiede betont. Genau diese Vorannahme müssen aber hinterfragt werden, denn es sind nicht die „Rassen“, die den Rassismus schaffen. Wir wissen: Es gibt keine „Rassen“. Es ist der Rassismus, der die Idee von „Rassen“ erst konstruiert – ebenso wie die Idee von eindeutig definierbaren, homogenen, statischen Kulturunterschieden.

In Anlehnung an Stuart Hall verwende ich einen machtkritischen und weiten Kulturbegriff. Kultur ist auch ein soziales Konstrukt, das dazu dient, die ungleiche Verteilung von Macht und Ressourcen zu legitimieren und zu stabilisieren. Der Begriff ist verstrickt in koloniale Geschichte und andere Machtverhältnisse. Wir verstehen Kultur dynamisch und beziehen ihn auf verschiedene Gruppenzugehörigkeiten (Klasse, Geschlecht, Alter etc.).

Das Schulbuch verwendet einen statischen Kulturbegriff. Damit reproduziert es rassifizierendes Denken. Denn Kulturen sind weder homogen noch statisch, sondern:

„Kulturen sind unabgeschlossen, prozeßhaft und veränderbar. Sie sind weder Naturkonstanten noch Eigenschaften, die Menschen determinieren. Sie sind klassen-, alters-, geschlechtsspezifisch, unterscheiden sich nach ethnischen, sprachlichen u.a. Gesichtspunkten und stehen in einem Verhältnis von Über- und Unterordnung zueinander bzw. kämpfen gegeneinander. Nicht die Verschiedenheit an sich, sondern die Machtverhältnisse, unter denen sich kulturelle Formen begegnen und sich jeweils durchsetzen müssen, ist dabei das Entscheidende.“ (A. Kalpaka)
Weiterlesen:
Der Text ist ein Auszug aus dem Artikel „Zwischen color-line und Handlungsmöglichkeiten –  für Kinder, Eltern und Pädagog_innen“ Artikel von Annette Kübler erschienen im Buch: „Vorurteilsbewusste Veränderung mit dem Anti-Bias-Ansatz“ Hg: anti-bias-netz, 2016

 „Was, dieser Schulbuchtext soll rassistisch sein? Du übertreibst mal wieder!“  Nach 20 Jahren Bildungsarbeit in und für die Einwanderungsgesellschaft formuliert Annita Kalpaka die Herausforderung so: „Professionelle (tun sich) weiterhin schwer, das eigene Handeln in den Kontext von institutioneller Diskriminierung und Rassismus zu stellen und zu reflektieren. Sich ‚nichts zuschulden kommen zu lassen’ scheint weiterhin wichtiger zu sein als die Konsequenzen, die pädagogisches Handeln unter rassistischen Bedingungen für die von Rassismus und Diskriminierung Betroffenen haben kann oder hat.“[1]
Als Anti-Bias-Trainerin bin ich in diesem Spannungsfeld mit unterschiedlichen, teils widersprüchlichen Perspektiven unterwegs, trainiere Multiplikator_innen über drei Wochenenden, begleite Kinder in schulischen Projekten, in stärkenden außerschulischen Angeboten und als Mutter, begleite Pädagog_innen an Schulen, in Fortbildungsprozessen und entwickle selbst diskriminierungskritische Methoden. Oft ergänzen sich die Erfahrungen gut, ermöglichen mir, Brücken zu bauen, vor allem wenn ich in der Moderatorinnenrolle bin. Manchmal prallen Welten aufeinander. Wenn ich mit meinen Kompetenzen Eltern Schwarzer[2] Kinder unterstütze oder Dominanzstrukturen benenne, wird das manchmal als Angriff erlebt. Dann spüre ich die color-line, eine unsichtbare Trennlinie, die die Gesellschaft nach Hautfarben spaltet „in Bezug auf den Zugang zu gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Ressourcen[3]“. Color-line benennt in den USA, dass strukturelle Privilegien und Benachteiligungen so radikal verschiedene Erfahrungen produzieren, dass es schwierig wird, einander zu verstehen.

[1] Kalpaka, Annita (2009): Institutionelle Diskriminierung im Blick-Von der Notwendigkeit, Ausblendungen und Verstrickungen in rassismuskritischer Bildungsarbeit zu thematisieren. In: Rassismuskritik. S.25-40.

[2] Der Begriff Schwarz meint afrodiasporale Familienbezüge aus denen Rassismuserfahrungen resultieren. People of Color ist eine Selbstbezeichnung, für Menschen die Rassismus erfahren.

[3] Elina Marmer benennt die color-line 2013 in ihrer Studie Rassismus in deutschen Schulbüchern am Beispiel von Afrikabildern