Afrikabilder (Methode)

Afrikabilder dekolonialisieren  – von Annette Kübler und Amad Ibrahim (Icra)

1) Was gibt es in Afrika? – Afrikakarte mit Bildern

Ziele und Ablauf

2) Ein Afrikaner aus der Großstadt

3) the danger of a single story

4) Geschichten Afrikas, die nicht im Schulbuch stehen

5) vorurteilsbewusste Kinderbücher von ELRU

6) kritische Analyse rassistischer Inhalte in Schulbüchern


Afrikabilder dekolonialisieren –  entwickelt von von Annette Kübler und Amad Ibrahim (Icra)

Jahrgang: Grundschule, unterschiedlicher Verlauf je nach Alter und Klassensituation

Fähigkeiten/Inhalte:

  • Differenzieren des Afrikabildes und Bewusstmachung von Klischees.
  • Altersgemäßer Einstieg in die Dekonstruktion kolonialer Wissensbestände.
  • Analyse von Medien und ihres Einflusses.
  • Menschen ermutigen, Armut als Verweigerung von Grundrechten zu verstehen und nicht arme Menschen zum Objekt von Hilfe oder Reglementierung zu machen.
  • Fokus verschieben: Von Bildern der Hilfsbedüftigkeit auf vielseitige Bilder sowie auf die Rolle Europas/ Ausbeutungspozesse
  • Verständnis entwickeln für die Funktionen von Vorurteilen – auch zur Erhaltung des Status Quo zwischen Globalem Süden und Globalem Norden

Zu beachten:

Ab 1 bis 2 Doppelstunden, besser als langfristiger Prozess. Wenn die Möglichkeit geschaffen werden kann, in halber Klassenstärke zu arbeiten, können Reflexionsprozesse intensiver ablaufen.

Wenn der Einstieg zum Thema das eigene Malen oder Assoziieren zum Stichwort „Afrika“ ist, dann werden oft Klischees verstärkt und Stereotype verfestigt. Die „single stories[1]“ über Afrika sind so stabil – diese Diskurse aufzubrechen und andere Realitäten zum Thema zu machen braucht einen kontinuierlichen Prozess und gute Vorbereitung.

Zum einen kann gesammelt werden, welches Wissen Kinder (und Erwachsene) über aktuelle Verarmungsprozesse und Ausbeutungsstrukturen haben – Welthandelsstrukturen – land grabbing – Privatisierung von Wasser – Billigpreise von Bananen oder Schokolade u.a.. Es kann eine Bildersammlung angelegt werden, die nicht nur das übliche Bild von Armut und „Unterentwicklung“ zeigt, sondern auch aktive kreative Menschen, Supermärkte, Großstädte, schicke Autos oder vorkoloniale afrikanische Reiche zeigt. Hiermit können afrikanischen Länder bekannt gemacht und differenziert werden. Bilderbücher von ELRU[2] in Südafrika bilden auch vielseitige Realitäten ab. Wertvolle Erkenntnisse bringt es, die in der Klasse oder Schule vorhandenen Kinder- und Schulbücher auf Klischees hin zu untersuchen und Briefe an Verlage zu schreiben.

Zum anderen sollen Kinder (und Erwachsene) ein Verständnis entwickeln für die Rolle Europas in Prozessen, die zu Armut führen. Dazu ist ein Perspektivwechsel nötig: der Blick auf Europa und die koloniale Akkumulation des Reichtums in Europa. In kindgerechten Worten sollten Kinder auch von den Prozessen erfahren, die vorwiegend zu Europas Reichtum geführt haben und eine Ahnung erhalten von 500 Jahren kolonialer Gewalt und Widerstand.

Die Übung stellt hohe Anforderungen an den Auswertungsprozess. Wichtig ist, wie die Erkenntnisprozesse begleitet und moderiert werden. Rassismussensible Übungen sollten aus einer Schwarzen Perspektive durchgeführt werden. Ein ausschließlich weißes Team wäre kontraproduktiv. Daher sollte die Übung nur mit Referent_innen aus dem afrikanischen Kontinent durchgeführt werden. Prozesse von einer Fremdzuschreibung hin zu komplexeren Geschichten über den Kontinent erhalten dann eine andere Qualität. Zur Durchführung braucht es Menschen, die sich mit strukturellem Rassismus im Afrikabild, mit kolonialen Bildern und der Wirkmächtigkeit von Vorurteilen intensiv auseinandergesetzt haben [3]. Denn koloniale Diskurse sind so dominant, dass die Gefahr besteht, sie zu reproduzieren. Lehrkräfte sollten sich zur Vorbereitung der Unterrichtseinheit in die Gewaltgeschichte kolonialer Afrikabilder einarbeiten. Für Kinder mit familiärem Bezug zum afrikanischen Kontinent ist das Behandeln von Afrika im Schulunterricht oft verletzend. Hier ist vorhergehende Selbstreflexion weißer Lehrkräfte unabdingbar[4],[5]. Das Arbeitsblatt betten wir ein in einen Prozess der Dekonstruktion kolonialer Afrikabilder und einem Lernen über koloniale Wissensbestände.

Aufbauend auf diesen Einstieg kann zu weitere Themen kolonialer Diskurse gearbeitet werden – wie der über Indianer oder die Entdeckung Amerikas oder der Funktion von Vorurteilen, wie zum Beispiel der Funktion des Charity/ Helfer-Diskurses zum Stichwort Afrika. Wir können uns fragen, welche Teile der Realität dadurch ausgeblendet werden, welche Herrschaftsstrukturen damit stabilisiert werden. Dekonstruieren kolonialer Wissensbestände (z.B. Columbus ist nicht in Indien gelandet, die Bezeichnung der Ureinwohner ist sachlich falsch) ist unserer Erfahrung nach für Kinder meist leichter als für Erwachsene.

Möglicher Stundenverlauf

  1. Sammeln von Assoziationen zum Begriff „Afrika“ aufschreiben / malen
  2. Verteilen des Arbeitsblatt „Was gibt es in Afrika“. Kinder äußern sich zunächst dazu, um was es sich handelt (viele kennen schon den Umriss des afrikanischen Kontinents). Dann sollen sie in Einzelarbeit die Bilder am Rand markieren, von denen sie denken, dass es sie in Afrika gibt.
  3. Über Beamer verschiedene Bilder (Skylines) von Großstädten zeigen. Jeweils wird geraten, welche Stadt dies sein könnte/ in welchem Land oder Kontinent diese Stadt liegen könnte. Dies wird notiert. (Dass alle Bilder aus afrikanischen Ländern stammen überrascht meist.)
  4. Die Ergebnisse vergleichen. Den dabei entstehenden Diskussionen Raum geben. Nachfragen, wie Kinder auf diese oder jene Idee kommen, woran sie es festmachen, woher sie es wissen. Dabei wird unterschiedliches Wissen sichtbar. Die Bilderbücher der Organisation ELRU aus Südafrika ermöglichen Kindern ein vielfältiges Wissen über Südafrika.[6]
  5. Auf Grundlage dieser geteilten Erfahrung wird über koloniale Wissensbestände reflektiert. Hilfreiche Fragen sind: Woher kommen diese einseitigen Bilder von Afrika als arm und Heimat wilder Tiere? Von wem habt ihr das gehört, wo habt ihr es gesehen? Und wie kommt es, dass viele nicht wissen, dass der afrikanische Kontinent sehr reich ist, es Gold, Diamanten, Großstädte, Supermärkte und reiche Menschen gibt?
  6. Hier kann die Geschichte „Papa, Charlie hat gesagt…!“ gelesen oder gespielt werden: Welchem Bild von Afrika wird hier widersprochen? Wie ist das, wenn man ein Bild von etwas hat und es erweist sich als falsch? Kennt Ihr das auch von anderen Situationen oder Menschen in den Medien und anderswo?
  7. An diesem Punkt gibt es zahlreiche Möglichkeiten von Eigenaktivitäten von Kindern: Sie können Afrikabildern in Schulmaterialien, Kinderbüchern und Fernsehsendungen untersuchen, denn zu oft wird „Afrika“ noch als rückständig dargestellt und es werden überwiegend Tier- und Hilfe-Geschichten erzählt. Auch das Schreiben von Briefen an Verlage wäre ein wichtiger Beitrag, damit sich in der Bildungslandschaft etwas verändert.
  8. Vertiefend sollte auch mit dem Widerspruch: Afrika ist reich, Afrika ist arm gearbeitet werden. Denn aktuelle Konflikte (z.B. flüchtende Menschen) können nicht verstanden werden, wenn nur auf „Afrika“ und nur auf den zweiten Teil der Geschichte geblickt wird und wenn Fluchtursachen nur einseitig in Problemen der Herkunftsländer von Flüchtenden gesucht werden: Wichtiger als mehr helfen wäre es, weniger zu stehlen. Aktuelle Positionen aus der Refugeebewegung (Selbstorganisierte Bewegung von Geflüchteten) helfen bei einem Perspektivwechsel:

„Wir sind hier, weil ihr da wart“ („We are here because you were there“); dieser Satz von Sivanandan, einem schwarzen Aktivisten in Großbritannien beschreibt mit klaren Worte die Weltwirtschaftsordnung unserer Tage und verweist auf Ursachen von (unfreiwilliger) Migration und Flucht.

Kinder werden früh mit kolonialem Wissen befrachtet. Sie lernen Dinge wie Kolumbus habe Amerika entdeckt, sie spielen und kostümieren sich als Indianer, etc. Kinder werden mit Fragen des Kolonialismus konfrontiert. Nur: Ihnen werden viele Irrtümer und Falschdarstellungen als Wahrheit verkauft. Dieses Paket, diese Bürde sollte ihnen eigentlich erst gar nicht mitgegeben werden. Umso wichtiger ist es, diese früh wieder loszuwerden, sie ihnen abzunehmen.

(c) Annette Kübler und Amad Ibrahim (Icra) 2016

[1] Single Stories – The Danger of a· single story https://www.ted.com/talks/chimamanda_adichie_the_danger_of_a_single_story

[2] http://elru.co.za/free-resources?field_product_catelog_tid=16

[3] Hintergrundwissen für Erwachsene und Jugendliche:
Chimananda Adichie: The Danger of a single story https://www.ted.com/talks/chimamanda_adichie_the_danger_of_a_single_story,
Grada Kilomba: Dealing with Racism in Europe https://www.youtube.com/watch?v=aj3esOI11Pg,
Aamer Rahman – Reverse Racism: https://www.youtube.com/watch?v=dw_mRaIHb-M, Trever Noah about Britain’s colonial past: https://vimeo.com/130619176,
Wettlauf – The Unequal Opportunity Race: https://www.youtube.com/watch?v=vX_Vzl-r8NY, anti-bias-netz (Hg) 2015:Vorurteilsbewusste Veränderungen mit dem Anti-Bias-Ansatz, Freiburg,
Arndt, Susan/Ofuatey-Alazard, Nadja (Hg.) (2011): Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache. Ein kritisches Nachschlagewerk. Münster,
BER e. V. (Hg.) (2013): Develop-mental Turn: Neue Beiträge zu einer rassismuskritischen entwicklungspolitischen Bildungs- und Projektarbeit,
Marmer, Elina/ Sow, Papa (Hg.) (2015): Wie Rassismus aus Schulbüchern spricht. Kritische Auseinandersetzung mit »Afrika«-Bildern und Schwarz-Weiß-Konstruktionen in der Schule.Ursachen, Auswirkungen und Handlungsansätze für die pädagogische Praxis. Weinheim,
IMAFREDU und LEO Berlin (2015). Rassismuskritischer Leitfaden zur Reflexion bestehender und Erstellung neuer didaktischer Lehr- und Lernmaterialien zu Schwarzsein, Afrika und afrikanischer Diaspora für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit.

[4] Zum Beispiel mit: Elina Marmer (2013): Rassismus in deutschen Schulbüchern am Beispiel von Afrikabildern, in ZEP 2’13, S. 25
oder mit: anti-bias-netz (Hg) 2015:Vorurteilsbewusste Veränderungen mit dem Anti-Bias-Ansatz, Freiburg

[5] Zum Gebrauch der Bezeichnungen Schwarz und Weiss, vergleiche Glossar S. 65 ff in IMAFREDU und LEO Berlin (2015). Rassismuskritischer Leitfaden zur Reflexion bestehender und Erstellung neuer didaktischer Lehr- und Lernmaterialien zu Schwarzsein, Afrika und afrikanischer Diaspora für die schulische und außerschulische Bildungsarbeit.

[6] http://elru.co.za/free-resources?field_product_catelog_tid=16